Interview

Interview mit dem Leiter der neuen IVSS-Anlaufstelle für die englischsprachige Karibik

Interview

Interview mit dem Leiter der neuen IVSS-Anlaufstelle für die englischsprachige Karibik

Die IVSS-Anlaufstelle für die englischsprachige Karibik wurde im März 2021 eröffnet. Damit hat bereits die 18. Regionalstruktur der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) ihren Betrieb aufgenommen. Die Anlaufstelle wird geleitet von Stewart Haynes, Direktor der Landesversicherungsdienste von Saint Vincent und den Grenadinen (National Insurance Services – NIS), und die IVSS hat ihm einige Fragen zu seiner neuen Rolle gestellt.

Stewart Haynes

Warum ist es für die Region so wichtig, über eine Anlaufstelle zu verfügen?

Die Anlaufstelle der IVSS ist für diese Region ganz entscheidend, denn wir wollen die Zusammenarbeit der regionalen Systeme der sozialen Sicherheit untereinander und mit der IVSS ausbauen und stärken, damit wir gemeinsam von den Produkten und Dienstleistungen der Vereinigung profitieren können. Die Systeme der sozialen Sicherheit in unserer Region stehen hinsichtlich der Verwaltung und der Tragfähigkeit der Systeme vor vielfältigen Herausforderungen, und wir sehen diese Partnerschaft mit der IVSS als ein unentbehrliches Mittel, um die Governance, die Verwaltung und die institutionellen Kapazitäten der Systeme auszubauen und so diese Herausforderungen besser zu erkennen und zu bewältigen. Während die Entwicklung unserer Systeme der sozialen Sicherheit in einer sich wandelnden und dynamischen Welt erfolgt, wird die Anlaufstelle auch einen besseren Zugang der Systeme zu innovativen Lösungen, bester Praxis, internationalen Standards und Erfahrungen ermöglichen, die genau auf den Bedarf und Kontext der Region passen. Im Übrigen wird diese Anlaufstelle eines der wirksamsten Mittel sein, um die Stimmen, Bedürfnisse und Prioritäten der 19 abgedeckten Staaten zu bündeln und Arbeitsprogramm und Tätigkeiten der IVSS in die Entwicklungsrealität der Region mit ihren konkreten Erfahrungen umzusetzen. Und letztlich demonstriert und konkretisiert eine solche IVSS Anlaufstelle in der englischsprachigen Karibik, dass sich die IVSS für den Ausbau und die Verbesserung der regionalen Systeme der sozialen Sicherheit einsetzt und so zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung der Region beiträgt.

Was hat die Landesversicherungsdienste von Saint Vincent und den Grenadinen dazu bewegt, die Anlaufstelle für die Länder der englischsprachigen Karibik zu beherbergen?

Als Vorstandsmitglied der IVSS, das englischsprachige Systeme der sozialen Sicherheit vertritt, bin ich sehr nahe dran und erfahre laufend von den Vorteilen und wichtigen Beiträgen, die die anderen siebzehn Regionalstrukturen der Vereinigung mit ihrer Organisation und Funktionsweise leisten können. Es war mir deshalb ein großes Anliegen, die Systeme der sozialen Sicherheit unserer Region in die Lage zu versetzen, über diese Anlaufstelle einen besseren Zugang zu praktischem Wissen, Vernetzungsmöglichkeiten, Veranstaltungen, Produkten und Dienstleistungen zu erhalten. Außerdem habe ich erkannt, wie wichtig es ist, international zusammenzuarbeiten und die Entwicklung und den Ausbau von Verwaltung und Governance der Systeme der sozialen Sicherheit mithilfe der IVSS strategisch auszurichten. Und außerdem kann eine Mitgliedschaft bei der IVSS dank der tatkräftigen Unterstützung meiner Kolleginnen und Kollegen einen großen Nutzen bringen. Auch haben uns die Entschiedenheit, das Engagement und die offene Zusammenarbeit mit dem IVSS-Generalsekretariat in der Verhandlungsphase die Entscheidung erleichtert, die Anlaufstelle für die englischsprachige Karibik bei uns einzurichten.

Ich setze mich für alle Vorgänge ein, die der sozialen Sicherheit in der Region förderlich sind, und ich bin umgekehrt auch überzeugt davon, dass die Anlaufstelle die Sichtbarkeit des Systems der sozialen Sicherheit von Saint Vincent und den Grenadinen erhöhen wird. Zudem führt die Anlaufstelle zu einem verstärkten Engagement der Regierung für die soziale Sicherheit, was letztlich allen Bürgerinnen und Bürgern zugutekommt.

Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Ähnlichkeiten und Unterschiede der Systeme der sozialen Sicherheit in der Region?

Was die Systeme der sozialen Sicherheit betrifft, so sind wir innerhalb der Region eher ähnlich als unterschiedlich aufgestellt. Wir haben deshalb in unserer regionalen Gemeinschaft der sozialen Sicherheit starke Bande und Arbeitsbeziehungen aufgebaut und eine regelrechte Familie der sozialen Sicherheit in der Region geschaffen. Zu den Ähnlichkeiten unserer Systeme zählen unter anderem folgende:

  • Unsere Systeme operieren in kleinen und offenen Volkswirtschaften, die anfällig für externe Schocks wie etwa Naturkatastrophen sind.
  • Wir stehen alle vor demografischen Herausforderungen durch die Bevölkerungsalterung und die starke Abwanderung von Menschen im arbeitsfähigen Alter.
  • Geht man von den aktuellen Leistungs- und Beitragsbestimmungen aus, so werden es die Systeme der sozialen Sicherheit in der Region hinsichtlich der langfristigen Tragfähigkeit und Generationengerechtigkeit nicht leicht haben.
  • Die Systeme der sozialen Sicherheit in dieser Region sind alle ähnlich strukturiert und beruhen zumeist auf garantierten Leistungen, die im Umlageverfahren erbracht werden und Arbeitnehmern und ihren Angehörigen bei Krankheit, Mutterschaft, Verletzung, Invalidität, Ruhestand und Hinschied eine Einkommenssicherheit bieten.
  • Die Systeme der Region sind teilkapitalgedeckt und setzen bei ihrer Finanzierung zumeist auf eine Methode mit skalierten Prämien. Die Hauptfinanzierungsquellen sind Beiträge und Anlageerträge.
  • Die Systeme verfügen allesamt über eine relativ gute Deckung für formell Beschäftigte, stehen hingegen vor großen Schwierigkeiten, was die Versorgung von Selbstständigen und Arbeitnehmern im informellen Sektor mit einem angemessenen Sozialschutz angeht.
  • Den Systemen der sozialen Sicherheit in unserer Region ist eine Governance-Struktur gemein, die einen Verwaltungsrat, Ausschüsse des Verwaltungsrats und eine Managementebene umfasst.

Es gibt jedoch einige gewichtige Unterschiede zwischen den Systemen der sozialen Sicherheit in der englischsprachigen Karibik, die hauptsächlich mit der Verwaltungs- und Governance-Praxis zu tun haben. So gibt es bei den Systemen der Region unter anderem folgende administrative Unterschiede:

  • Die Systeme der Region befinden sich hinsichtlich der Einführung und Nutzung von Technologien für die administrativen Abläufe auf unterschiedlichen Niveaus. Einige Länder sind im Bereich des digitalen Wandels und der Digitalisierung ihrer Dienste bereits weiter fortgeschritten als andere.
  • Zeitpunkt, Ziel und Umfang der Rentenreformmaßnahmen, die in den verschiedenen Systemen der sozialen Sicherheit eingeführt wurden, variieren von Land zu Land.
  • Für das Anlagemanagement gibt es in der Region unterschiedliche Funktionen und Praktiken. Die Investitionen auf internationalen Finanzmärkten und in Staatsanleihen des eigenen Landes fallen je nach Land unterschiedlich aus.
  • In kritischen Bereichen wie Risikomanagement, Anlagemanagement, versicherungsmathematische Analysen und Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) werden in den einzelnen Ländern unterschiedliche personelle Kapazitäten eingesetzt.

Bezüglich der Verwaltung der Systeme der sozialen Sicherheit der Region werden wir deshalb weiterhin eng zusammenarbeiten und streben eine funktionelle Kooperation an.

Was plant die Anlaufstelle für das nächste Jahr?

Unser Hauptziel lautet, relevante Produkte und Dienstleistungen der IVSS zu nutzen, die genau auf die Bedürfnisse, Prioritäten und Realitäten der Region zugeschnitten sind. Wichtig ist deshalb vor allem, dass wir in den einzelnen Systemen der sozialen Sicherheit Bedarfsabklärungen durchführen, deren Ergebnisse dann in die Arbeitsprogramme und Tätigkeiten der Region einfließen. In der nächsten Zeit konzentrieren wir uns gemäß den Prioritäten der Region auf folgende Tätigkeiten:

  • Ein Workshop der IVSS-Akademie über die Leitlinien der IVSS über Kommunikation von Verwaltungen der sozialen Sicherheit, in dem unsere regionalen Verwaltungsfachleute für Kommunikation der sozialen Sicherheit konkrete und praktische Unterstützung erhalten.
  • IVSS-Webinare in den Bereichen Risikomanagement und Betriebskontinuität sowie Ausweitung der Deckung der sozialen Sicherheit auf Selbstständige und informell Beschäftigte.
  • Präsentationen von IVSS-Vertretern an der nächsten Zusammenkunft der Direktorinnen und Direktoren der Systeme der sozialen Sicherheit aus der Region im Sekretariat der Karibischen Gemeinschaft (CARICOM).

Als IVSS-Anlaufstelle für die englischsprachige Karibik werden wir eng mit dem Generalsekretariat der IVSS und den einzelnen Mitgliedsinstitutionen in den 19 abgedeckten Ländern zusammenarbeiten, um pragmatische Initiativen für die Förderung und Entwicklung der sozialen Sicherheit in der Region auf den Weg zu bringen.