Datenaustausch und Koordination zur Unterstützung des Übergangs der Menschen in Europa

Datenaustausch und Koordination zur Unterstützung des Übergangs der Menschen in Europa

Die Einrichtungen unterstützen die Menschen im Lebensübergang durch „Zusammenhänge verstehen“ zwischen verschiedenen Sozialversicherungs- und Sozialdiensten anhand des systematischen Datenaustausches. Die Einführung neuer Mechanismen der Datenkoordination hat sich bereits als nützlich erwiesen, um die Dienste und Leistungen der sozialen Sicherheit zu verbessern, die bedürftige Bevölkerung besser zu erreichen und insbesondere maßgeschneiderte Unterstützung für Menschen in entscheidenden Lebenslagen zu bieten.

Die Erzeugung von Synergien zwischen verschiedenen Leistungen und Diensten der sozialen Sicherheit sowie mit anderen öffentlichen Einrichtungen ist von wesentlicher Bedeutung für die Entwicklung einer inklusiven Gesellschaft mit starkem Zusammenhalt, welche die Menschen schützt und ihre Qualifikationen, Talente, Ressourcen und Fähigkeiten fördert. So bietet die soziale Sicherheit Unterstützung, schafft Chancen und befähigt die Personen während ihres gesamten Lebenszyklus (Calvo, Souto und Ortiz, 2022). Diese integrierten Maßnahmen der sozialen Sicherheit sind wichtig, um den Menschen angesichts von Umbrüchen, Änderungen und Übergängen in ihrem Leben u. a. hinsichtlich Beschäftigung, Familiensituation und Pflegebedürfnisse zu unterstützen. Zum Erreichen dieses notwendigen Ausmaßes an Synergie verfolgen die Organisationen der sozialen Sicherheit Initiativen zum Datenaustausch und steigern ihre Leistung in strategischer, taktischer und betrieblicher Hinsicht mit positiven Ergebnissen für die Leistungsempfänger auf allen institutionellen, interinstitutionellen, subnationalen und nationalen Ebenen.

Angesichts des Bedarfs an Unterstützung von Personen in verschiedenen Lebensabschnitten sind die eigenen Daten der Einrichtungen der sozialen Sicherheit manchmal unzureichend, um die Umstände und Bedürfnisse der betroffenen Person vollständig zu begreifen. Dies betont die Notwendigkeit nach Austausch und Integration zahlreicher Datenquellen, um koordinierte Antworten der sozialen Sicherheit bereitzustellen. Dazu müssen Leiter und Beamte in den Einrichtungen die notwendige Zeit für den Betrieb, die erforderlichen Ressourcen für die Umsetzung, die Erfüllung der Vorschriften und das Ausmaß für ihre Initiativen für den Datenaustausch austarieren und gleichzeitig den Bedarf nach Inklusion durch Umsetzung mehrerer Offline-Online-Ansätze zur Dienstleistungserbringung berücksichtigen, um sicherzustellen, dass niemand auf der Strecke bleibt (Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen, 2022). Dies ist ein umfangreiches und komplexes Unterfangen, wobei die Leitung der Einrichtungen der sozialen Sicherheit eine Reihe technischer, rechtlicher, budgetärer, politischer, sozialer und Governance-Herausforderungen zu bedenken hat.

Die Koordinierung von Maßnahmen der sozialen Sicherheit erfordert die Umsetzung von interinstitutionellen Datenaustausch-Initiativen. Dies setzt wiederum einen Datenaustausch-Mechanismus voraus, um die Ausführung durch die Einrichtungen besser zu unterstützen. Dazu ist es für die Einrichtungen maßgebend, Daten mit anderen Institutionen austauschen und teilen zu können. Die Umsetzung besser vernetzter Sozialprogramme ist deshalb erforderlich und kann nur durch Umsetzung von interinstitutionellen Datenaustausch-Initiativen erreicht werden.

Um den Organisationen den Umgang mit diesen Komplexitäten zu erleichtern, hat die Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) mehrere Leitlinien entwickelt, die Einrichtungen der sozialen Sicherheit bei diesen Projekten gezielt unterstützen. Eine dieser Leitlinien, „Leitlinie 34. Datenaustausch“ ist auf den Datenaustausch ausgerichtet und Teil der Reihe Leitlinien der IVSS über Informations- und Kommunikationstechnologie (IVSS, 2022).

Die Leitlinie der IVSS über Datenaustausch als Beitrag zur Interoperabilität

Die „Leitlinie 34. Datenaustausch“ bietet einen Einblick in die Eckpunkte, die eine Abteilung für Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) bei der Entwicklung von Datenschutz umfassenden Initiativen berücksichtigen sollte. Das nachstehende Diagramm bietet einen schematischen Überblick über die Leitlinie über Datenaustausch.

Schaubild 1. Erklärung des standardisierten Datenaustausch-Mechanismus.

Quelle: Autor, auf der Grundlage von IVSS, 2022.

Ferner legt die Leitlinie eine allgemeine Orientierungshilfe für den Datenaustausch fest, um sicherzustellen, dass diese Bemühungen Skaleneffekte herbeiführen und die Vorschriften und Regelungen erfüllen. Dazu ist es wünschenswert, dass diese Mechanismen zum Datenaustausch auf standardisierten Datenaustausch-Mechanismen aufbauen bzw. sich in diese integrieren, indem internationale und institutionelle technische Standards und Modelle übernommen und angepasst werden. Dies ermöglicht den Einrichtungen, „fragmentierte einzelne Geschäftsanwendungen für den Datenaustausch zu vermeiden“ (IVSS, 2022, S. 61).

Vor kurzem haben europäische Einrichtungen der sozialen Sicherheit Initiativen mit Schwerpunkt auf die Unterstützung von Menschen im Zuge verschiedener Lebensereignisse entwickelt. Dies erforderte eine Datenteilung in verschiedenen Zweigen der sozialen Sicherheit. Diese Initiativen legen eine Vielfalt an Ansätzen für den Datenaustausch sowie eigene Wesenszüge zutage, welche das Bedürfnis eines standardisierten Datenaustausch-Mechanismus verstärken. Auch zeigen die Erfahrungen, inwiefern der Datenaustausch den Einrichtungen die Grundlage für die Integration der Anwendungen mit direktem Nutzerkontakt geboten hat, die den Mitgliedern bessere bzw. tiefer integrierte Dienste bereitstellen. Darüber hinaus konnten die Einrichtungen die internen Prozesse hinsichtlich der besseren Erbringung von Dienstleistungen ändern und straffen, und es wurde eine Backend-Integration ermöglicht, die für die Koordinierung der Funktionen sowie die Bereitstellung datengestützter und proaktiver Dienste und Leistungen wesentlich ist.

Jüngste Erfahrungen in Europa mit Datenaustausch

Folgende Erfahrungen führen vor, wie der Datenaustausch den Einrichtungen der sozialen Sicherheit ermöglicht hat, Personen im Zuge verschiedener Lebensübergänge zu unterstützen, indem mehrere Aspekte des Datenaustausches beleuchtet und somit den Einrichtungen bei der Unterstützung der Bevölkerung und ihrer Mitglieder geholfen wurde.

E-Rezept: völlig digital – Österreichische Sozialversicherungsträger

Der österreichische Dachverband der Sozialversicherungsträger (DSV) hat eine ambitionierte Initiative zur Einführung eines völlig digitalen Verschreibungsprozesses entwickelt (Dachverband der Sozialversicherungsträger, 2024), welcher durch die Nutzung einer robusten Datenaustauschinfrastruktur die Ausstellung von Rezepten durch Arztpraxen und chirurgische Einrichtungen, die Ausgabe von Medikamenten in Apotheken und den Verrechnungsprozess umfasst. Dadurch kann eine versicherte Person alle Verwaltungsvorgänge für den Erhalt ihrer Medikamente durch einfache Vorlage ihrer E-Card, des E-Rezept-Codes oder der Rezept-ID ohne Papierrezept erledigen. Diese Lösung für den interinstitutionellen Datenaustausch ermöglicht der Einrichtung ein besseres Angebot von Gesundheitsleistungen sowie die Unterstützung ihrer Versicherten bei ihrer Gesundheitsversorgung im Laufe ihres Lebens.

Zur Erfüllung der Voraussetzungen zur Entwicklung der Initiative E-Rezept: völlig digital bedurfte es einer Vorbereitungsphase unter Einbeziehung der relevanten Akteure, um ein Einvernehmen über die erforderlichen Spezifikationen und rechtlichen Anpassungen zu erreichen. Nach dieser Phase begann die technische Umsetzung im Mai 2019, die sich über zwei Jahre erstreckte. Die neuen Funktionen des E-Rezepts wurden in weiterer Folge in die Systeme der Apotheken und Arztpraxen integriert, wodurch sich ein deutlich geringerer Bedarf für Einschulung bzw. zusätzliche Infrastruktur ergab. Zudem wurde eine mobile App entwickelt und in ID Austria integriert (Bundeskanzleramt, 2023), damit sich Versicherte digital (keine Papierrezepte) und rechtlich (in die App eingebettete fortgeschrittene Signatur) mit dem System austauschen können. Nach abgeschlossener Entwicklung des E-Rezepts erfolgte ein dreimonatiger Pilotbetrieb, welcher die Entscheidung zur Ausweitung der Initiative auf ganz Österreich zur Folge hatte. Die Umsetzung wurde im Juni 2022 abgeschlossen.

Der Informationsfluss unter den Beteiligten war maßgebend für diese Innovation. Die Daten über mögliche von Ärzten verschriebene Medikamente werden in ihre eigenen Informationssysteme eingespeist, die Rezepte sind sofort in der Apotheke verfügbar, die Information über die verschriebenen Medikamente ist für Überwachungs- und Nachverfolgungszwecke entsprechend auf der mobilen App der versicherten Person verfügbar, und zum Abschluss des Verfahrens erhält der Versicherungsträger die gesamte medizinische und Verwaltungsorganisation auf digitalem Weg. Zu den Ergebnissen dieser Initiative zählen die Vermeidung menschlicher Fehler, eine deutlich höhere Transparenz sowie bedeutende finanzielle und Umwelteinsparungen durch die Digitalisierung von 70 Millionen Rezepten pro Jahr.

Elektronisches System für das individuelle Rehabilitationsprogramm, Aserbaidschan

Im Jahr 2020 wurde in Aserbaidschan das individuelle Rehabilitationsprogramm (Individual Rehabilitation Programme – IRP) verabschiedet. Kern des IRP ist die Entwicklung eines maßgeschneiderten Programms für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen, einschließlich einer ganzheitlichen Reihe von Dienstleistungen zur „medizinischen, beruflichen und psychologisch-pädagogischen Rehabilitation sowie zur Entwicklung sozialer Kompetenzen für Menschen mit Behinderungen“ (DOST, 2024). Diese Erfahrung mit dem Datenaustausch ermöglicht es der Einrichtung, durch Einbindung verschiedener Datenquellen und durch Bereitstellung eines neuen Verfahrens für stärker integrierte Dienstleistungen für Leistungsempfänger deren Übergänge zu unterstützen.

Das neue Informationssystem für das Rehabilitationsprogramm ermöglichte dem Ministerium für Arbeit und Sozialschutz der Bevölkerung der Republik Aserbaidschan (Ministry of Labour and Social Protection of the Population of the Republic of Azerbaijan – MLSPP) und seiner Medizinischen und Sozialen Expertenkommission (Medical and Social Expert Commission – MSEC) die digitale Speicherung der Information über die Bewertung der Behinderung, was im Zusammenhang mit weiterer, durch eine breite Integration mit verschiedenen Programmen und zentralisierten Informationssystemen verbundener Information die Grundlage für die Entscheidungsfindung im gesamten Programm bot. Zu den Funktionen zählen die Schaffung persönlicher Rehabilitationspläne, die Verwaltung der Dienstleistungshistorie und der an die Leistungsempfänger ausgegebenen Rehabilitationsmittel, verbesserte Berichterstattungsmöglichkeiten und die Möglichkeit für Menschen mit Behinderungen, Leistungen und Dienste zu beantragen. All diese Eigenschaften werden durch ein Datenintegrationssystem unterstützt, welches verschiedene Informationssysteme und Register innerhalb und außerhalb des MLSPP sowie jener der Rehabilitationseinrichtungen umfasst.

Die Verbesserungen der Berichterstattungsmöglichkeiten, Informationssicherheit, Transparenz, Zugänglichkeit und Wirksamkeitskontrolle der unter dem individuellen Rehabilitationsprogramm angebotenen Dienstleistungen haben zu einem verstärkt maßgeschneiderten Ansatz für Menschen mit Behinderungen in Aserbaidschan geführt.

HELP! Koordiniertes Angebot der sozialen Sicherheit zur Unterstützung von Selbständigen in Schwierigkeiten, Frankreich

Diese innovative Initiative (URSSAF Landeskasse, 2024) unter der Führung einer Allianz von Sozialversicherungsanstalten in Frankreich kam zum Schluss, dass die von einer Einrichtung erkannten Informations-„Signale“ ein guter Indikator für eine Maßnahme einer anderen Einrichtung zur Unterstützung von Selbständigen durch Einsatz von Instrumenten der sozialen Sicherheit sein könnte. Während der COVID-19-Pandemie wurde die Initiative entwickelt, um Selbständigen in finanziellen Schwierigkeiten den Zugang zu Leistungen über die verschiedenen spezialisierten Sozialversicherungsanstalten an einer einzigen Kontaktstelle zu ermöglichen. Diese Koordination bestand in der Einrichtung von organisationsübergreifenden Arbeitsabläufen und ermöglichte den beteiligten Einrichtungen eine bessere Unterstützung im Falle eines Beschäftigungsübergangs. Der zentrale Faktor war dabei ein Ökosystem zum Teilen und Austauschen von Daten, das die Komplexität bei der Antragsstellung reduzierte und antragstellenden Leistungsempfängern Beratung anbot. Davor musste dies bei jeder einzelnen Einrichtung separat erfolgen.

Die Diagnose einer konkreten Situation wurde in einem einzigen Orientierungsfragebogen veranschaulicht, das in der französischen öffentlichen Webseite demarches-simplifiees.fr zu finden ist. Die zehn Fragen waren dazu gedacht, einem Beamten aus jeglicher Partnereinrichtung schnell Information für eine Situationsdiagnose der gefährdeten Person bereitzustellen und die notwendige Information zusammenzutragen, um eine koordinierte Antwort der sozialen Sicherheit auszulösen. Die in diesem Verfahren erhobene Information wird an alle Einrichtungen weitergeleitet, nämlich URSSAF Landeskasse (URSSAF Caisse nationale), Ortskrankenkassen (Caisses primaires d’assurance maladie – CPAM), Kassen für Familienzulagen (Caisses d’allocations familiales – CAF) und Kassen für Rentenversicherung und Arbeitsschutz (Caisses d’Assurance Retraite et de Santé au Travail – CARSAT).

Die Initiative HELP beweist, wie ein hohes Maß an Koordination selbst bei einem niedrigen Niveau an Datenaustausch und Datenteilung erreicht werden kann. Die Entwicklung und Pflege eines interinstitutionellen dynamischen Netzwerks für die Zusammenarbeit auf nationaler und lokaler Ebene stellt eine starke Kapazität dar, damit zukünftige Initiativen die Koordination unter den beteiligten Einrichtungen weiter vertiefen.

Digitale Rentenübersicht, Deutschland

Die Initiative der Digitalen Rentenübersicht wurde von der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV Bund) (IVSS, 2023) durch intensive Koordination und einen gemeinsamen Ansatz mit verschiedenen öffentlichen und Nichtregierungsorganisationen ins Leben gerufen. Dank dieser Lösung haben Beitragszahler in Deutschland Zugang zu einem neuen Instrument, das ihnen die Entscheidungsfindung hinsichtlich der Leistungen erleichtert, welche sie aus ihren zukünftigen Renten erhalten. Dies unterstützt die Leistungsempfänger in ihrem Übergang zur Rente durch einen Mechanismus für Datenaustausch und -teilung, welcher unter der Aufsicht eines Mehrparteienbeirats eingerichtet wurde (Deutsche Rentenversicherung Bund, 2024).

Die Lösung mündete in ein Webportal, das in „wenigen Klicks einen klaren, strukturierten Überblick aller Rentenansprüche“ (Deutsche Rentenversicherung Bund, 2024) anbietet. Das Portal wird von einem Informationssystem unterstützt, welches verschiedene Datenquellen miteinander verbindet und auf „einem branchenweiten Kommunikationsstandard basiert, der von allen Rentensystemen akzeptiert und benutzt wird“ (Deutsche Rentenversicherung Bund, 2024). Der Mechanismus für Datenaustausch und -teilung ermöglicht der DRV Bund die Bereitstellung der Information für Bürger über ihre gesetzlichen, betrieblichen und privaten Rentensysteme auf sichere, verlässliche, verständliche, nutzerfreundliche, barrierefreie und möglichst vergleichbare Weise (Deutsche Rentenversicherung Bund, 2023).

Der Einsatz agiler Methoden der Softwareentwicklung ermöglichte die Bewältigung der komplexen interinstitutionellen Koordination. Die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit agiler Methoden für den iterativen Aufbau eines Rahmens für die Initiative sowie der Schwerpunkt auf die Einrichtung einer verbraucherzentrierten, benutzerfreundlichen Lösung waren zentrale Faktoren für den Erfolg dieser Bemühung.

Leistung für Alleinstehende, Litauen

Das Staatliche Sozialversicherungsamt (State Social Insurance Fund Board – SODRA) beim Ministerium für soziale Sicherheit und Arbeit (Ministry of Social Security and Labour – MSSL) hat eine neue Initiative namens „Leistung für Alleinstehende“ entwickelt und umgesetzt. Dadurch erhalten mehr Bürger in Litauen eine Geldleistung, ohne diese beantragen zu müssen. Zweck der Leistung für Alleinstehende ist eine erhöhte Leistungsangemessenheit zusätzlich zu anderen, zuvor bereits gewährten Instrumenten der sozialen Sicherheit wie „Alters-, Invaliditäts- oder Behindertenrenten oder  beihilfen“ (State Social Insurance Fund Board of the Republic of Lithuania under the Ministry of Social Security and Labour, 2024), welche die ursprünglich erwartete Deckung nicht erreichen konnten.

Um dieser Herausforderung zu begegnen, entwarf das SODRA einen Plan für die Erbringung der Leistung ab 2020, mit einem Vorschlag an den litauischen Gesetzgeber, ein Gesetz zu verabschieden, welches die Zahlung der „Leistung für Alleinstehende“ durch Nutzung bekannter Daten aus bestehenden Registern ermöglicht und organisiert. Die Umsetzung erforderte einen starken Schwerpunkt auf Datenintegration und Datenqualität angesichts der besonderen Herausforderung hinsichtlich agiler Softwareentwicklung aufgrund der geringen verfügbaren Zeit für die Umsetzung, die nur vier Monate betrug.

Die Prozessverschlankung umfasste einen automatischen Aufnahmemechanismus, um Zugangsbarrieren insbesondere für ältere Menschen, Personen mit mangelnder digitaler Kompetenz und Menschen mit Behinderungen abzubauen.

IT-Entwicklung zum Statut der Kulturschaffenden, Portugal

In Portugal haben Arbeitnehmer der Kulturbranche nun gesetzlichen Anspruch auf eine neue Sozialleistung. Das neue Statut der Kulturschaffenden ist das Ergebnis einer Initiative des Instituts für Informatik (Instituto de Informática) in Zusammenarbeit mit dem Institut für soziale Sicherheit (Instituto da Segurança Social). Ihnen oblag die Verantwortung, die für diese Initiative erforderliche IT-Unterstützung bereitzustellen (Institut für soziale Sicherheit, 2024), wodurch schwer zu erreichende Arbeitnehmer der Übergang in die Formalität ermöglicht wird, indem sie durch Integration verschiedener Datenquellen zur Festlegung eines neuen Beitragsverfahrens in das portugiesische System der sozialen Sicherheit aufgenommen werden.

In konzeptueller und technischer Hinsicht war die Initiative hoch komplex. Die wesentlichen Erfolgsfaktoren waren: institutioneller Kommunikationsrahmen, Softwareentwicklungsrahmen, starkes Engagement leitender Beamter und sorgfältige Aufschlüsselung des Projektumfangs in sieben verschiedene Informationssysteme. Durch die Lösung wurden drei völlig neue Systeme für elektronische Quittungen und Rechnungen (RFE) sowie vier neue integrierte Systeme wie etwa ein integriertes Girokontosystem (SICC) eingeführt.

Die Integration der erforderlichen Daten half bei der Ermittlung der verschiedenen zu zahlenden Beiträge sowie der Koordination des Datenflusses zu den von den verschiedenen Beteiligten eingehobenen Beiträgen.

„Dopflux“, Belgien

Das belgische Landesamt für Arbeit (Office national de l’emploi – ONEM) hat „Dopflux“ eingeführt, welches den Datenaustausch durch die Nutzung elektronischer Datenströme aus verschiedenen Organisationen einsetzt, um seine Datensätze anzureichern. Durch Kombination von detaillierter Information zu Arbeit, Tod und Rente mit elektronischen Datenströmen („flux“) schafft Dopflux einen umfassenden Speicherort für sozioökonomische Daten. Dieser Ansatz erleichtert eine detaillierte Datenerfassung durch Erhebung komplexer Details individueller Arbeitsmarkterfahrungen wie etwa Arbeitstage und Vertragsarten. Darüber hinaus hebt Dopflux halbstrukturierte, leicht auswertbare Daten hervor, welche in einem Format gespeichert sind, das eine Analyse in Echtzeit ermöglicht, den Analyseprozess optimiert und die sofortige Verwendbarkeit der ausgetauschten Daten sicherstellt. Dieses Datenaustausch- und  integrationsprojekt hilft dem ONEM, eine deutlich bessere Hilfeleistung für individuelle Beschäftigungsübergänge zu bieten, die bei alleiniger Nutzung seiner eigenen Daten nicht möglich gewesen wäre.

Maßgebend für das Datenökosystem von Dopflux ist die Nutzung von Längsschnittdaten, die durch den laufenden Datenaustausch ermöglicht wird. Durch Nachverfolgung der individuellen sozioökonomischen Übergänge im Laufe der Zeit bietet Dopflux tiefe Einblicke in komplexe Arbeitsmarktdynamiken und deren Auswirkungen auf die Sozialversicherungsprogramme. Darüber hinaus optimiert Dopflux die Ressourcenzuteilung und minimiert die Kosten, indem es wiederholte Datenabfragen durch den ständigen Datenaustausch überflüssig macht. Dieser kosteneffiziente Ansatz erleichtert nicht nur die Zugänglichkeit zu Daten, sondern fördert auch die Zusammenarbeit zwischen Organisationen, was die Effizienz der datengestützten branchenübergreifenden Entscheidungsfindung steigert.

Trotz seiner Vorzüge entstehen durch den Datenaustausch bei Dopflux Herausforderungen wie die Sicherstellung des Datenschutzes und die Aufrechterhaltung der Datenvergleichbarkeit. Dennoch tritt Dopflux diesen Sorgen entgegen, indem es als unabhängiger Mittler für Datenflüsse fungiert und dabei den Datenschutz und die Datensicherheit fördert. Zudem erleichtert Dopflux die statistische Analyse durch Integration der ausgetauschten Daten, wodurch die Organisationen zu einsetzbaren Erkenntnissen gelangen und gleichzeitig die Datensicherheit und  vergleichbarkeit sicherstellen. Durch robuste Datenaustausch-Mechanismen und die Einhaltung strenger Datenschutzprotokolle beweist Dopflux, wie die wirksame Zusammenarbeit und der effektive Datenaustausch die Innovation antreiben und die Entscheidungsfindung in einem sozioökonomischen Umfeld verbessern können.

Zusammenfassung der hervorgehobenen Datenaustausch-Initiativen in Europa

Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse, welche diese Organisationen bei der Umsetzung von Initiativen für den Datenaustausch erzielt haben.

Tabelle 1. Jüngste Datenaustausch-Initiativen in der sozialen Sicherheit in Europa
Land / Federführende EinrichtungInitiativeBeteiligte am Informations­austausch / -teilungErgebnisse bzw. erwartete ErgebnisseUnterstützter Datenaustausch
Österreich / Dachverband der Sozial­­­versicherungs­trägerE-Rezept: völlig digitalArztpraxen, Apotheken, Versicherte und Sozial­versicherung
  • Unterstützt Personen bei ihrer Gesundheits­versorgung im Laufe ihres gesamten Lebens
  • Mit der Österreichischen Ärzte­­kammer und der Österreichischen Apotheker­kammer wurden Vereinbarungen über die verpflichtende Verwendung von E-Rezepten getroffen
  • 6 Millionen E-Rezepte werden jeden Monat ausgestellt, mit entsprechend bedeutender Kostenr­eduzierung für Papier und Umweltvorteilen
  • Anwendungen mit direktem Nutzer­kontakt
  • Interne Prozesse
  • Backend-Integration
Aserbaidschan / Amt für nachhaltige und operationelle soziale Sicherheit (DOST)Elektronisches System für das individuelle Rehabilitations­­programmMedizinische und Soziale Experten­kommission (MSEC) des Ministeriums für Arbeit und Sozial­schutz der Bevölkerung der Republik Aserbaidschan (MLSPP), Rehabilitations­­einrichtungen des Ministeriums
  • Unterstützt Personen beim Übergang von der Rehabilitation
  • Verbessert Transparenz, Effizienz und Zugänglichkeit für befugte Beteiligte sowie die Bericht­­erstattung für Fallmanagement und zentralisierte Auswertung (DOST, 2024)
  • 1 184 bearbeitete Fälle in den ersten drei Monaten (DOST, 2024) von schätzungs­weise 600 000 (Aliyeva, 2023)
  • Anwendungen mit direktem Nutzerkontakt
  • Interne Prozesse
  • Backend-Integration
Frankreich / URSSAF LandeskasseHELP! Koordiniertes Angebot der sozialen Sicherheit zur Unterstützung von Selbständigen in SchwierigkeitenIn der sozialen Sicherheit tätige institutionelle Akteure (Einziehung, Krankheit, Familie und Rente)
  • Unterstützt rund 5 000 Selbständige, bei denen Unterstützungs­­bedarf festgestellt wurde und die bis 2022 Leistungen mit einem koordinierten Ansatz bezogen
  • Einführung eines interinstitutionellen Netzwerks der sozialen Sicherheit auf nationaler und lokaler Ebene
  • Anwendungen mit direktem Nutzerkontakt
  • Interne Prozesse
Deutschland / Deutsche Renten­­versicherung Bund (DRV Bund)Digitale RentenübersichtDRV Bund und private Fonds
  • Branchenweiter Kommunikations­­standard von allen Renten­systemen eingeführt, angenommen und umgesetzt
  • Über 1 Million Besucher und 100 000 Nutzer
  • Erhöhte Transparenz über zukünftige Renten­leistungen
  • Positives Feedback der Bürger
  • Anwendungen mit direktem Nutzerkontakt
  • Backend-Integration
Litauen / Staatliches Sozial­­­versicherungs­­­amt (SODRA), Ministerium für soziale Sicherheit und ArbeitLeistung für AlleinstehendeRegisterzentrum
  • Abbau von Zugangs­­barrieren zur Leistung, wichtig insbesondere für Menschen mit Behinderungen
  • Erhöhte Deckung, die 200 000 Menschen erreicht
  • Anwendungen mit direktem Nutzerkontakt
  • Backend-Integration
Portugal / Institut für InformatikIT-Entwicklung zum Statut der Kultur­schaffendenInstitut für Informatik, Institut für soziale Sicherheit, Finanzministerium, Ministerium für KulturEinführung eines neuen Statuts der Kultur­­schaffenden mit IT-Unterstützung entlang der gesamten Wert­schöpfungs­­kette der sozialen Sicherheit
  • Anwendungen mit direktem Nutzerkontakt
  • Interne Prozesse
  • Backend-Integration
Belgien / Landesamt für Arbeit (ONEM)Dopflux – Datengestützte Erkenntnisse für die versicherungs­­mathematische ArbeitLandesamt für Soziale Sicherheit (RSZ), Banque Carrefour de la Securité Sociale (KSZ), Ausländeramt (IBZ), Föderaler Pensionsdienst und weitere EinrichtungenAbbau der Komplexität enormer Datensätze über den Weg einer Person, welche die Arbeits­losigkeit zurücklassen möchte, indem lesbare digitale Zeitachsen und Bewertungs­­systeme erstellt werden, die den Entscheidungs­­trägern des Programms einen Einblick in die Dynamik von Arbeit / Arbeits­losigkeit während eines Zeitraums für individuelle Fälle und eine aggregierte Analyse bieten
  • Anwendungen mit direktem Nutzerkontakt
  • Backend-Integration

Die verschiedenen Erfahrungen zeigen den Nutzen des Datenaustausches und der Datenintegration für verschiedene Anwendungen sowie die Unterstützung von Anwendungen mit direktem Nutzerkontakt, die Verbesserung interner Prozesse und die Integration von Datenquellen im Backend für ein besseres Verständnis aktueller und möglicher Leistungsempfänger auf. Das folgende Diagramm bietet eine anschauliche Darstellung darüber, wie die erwähnten Einrichtungen verschiedene Strategien für den Datenaustausch und die Datenteilung eingesetzt haben. Es zeigt die vielfältigen Vorteile aus den Ansätzen zum Datenaustausch und wie sie gewinnbringend für die Organisationen und ihre Leistungsempfänger angewendet wurden. Obwohl einige das Hauptaugenmerk auf Dienste mit direktem Kontakt zur Bevölkerung gelegt haben, ist die Bedeutung der Integration der Datenquellen und der Rationalisierung und Verbesserung der Verfahren nicht zu unterschätzen.

Schlussbemerkungen

Der Datenaustausch kann Einrichtungen und Leistungsempfängern der sozialen Sicherheit auf verschiedene Weise zugutekommen, etwa durch eine Politik „keiner falschen Tür“ (URSSAF Landeskasse, Frankreich), die Bereitstellung von Dienstleistungen mit Mehrwert (DOST, Aserbaidschan) und die Rationalisierung von Dienstleistungen durch die Integration der Information mit Nichtregierungspartnern (DRV Bund, Deutschland; DSV, Österreich).

Diese Erfahrungen mit dem Datenaustausch in der Region sowie weitere, welche in diesem Artikel analysiert wurden, betonen die Bedeutung der Datenteilung und des Datenaustausches, damit die Einrichtungen der sozialen Sicherheit ihren Mitgliedern und der Bevölkerung umfassende und koordinierte Unterstützung bieten. Diese Beispiele zeigen die Relevanz der interinstitutionellen Zusammenarbeit auf sowie auch, wie ein Rahmen als begünstigendes Umfeld für den Datenaustausch zwischen Einrichtungen (Portugal) und für deren Anstrengungen zur Innovation hinsichtlich der Datennutzung für einen besseren sozialen Fortschritt wirkt.

Ein nährendes Netzwerk interinstitutioneller Zusammenarbeit ist notwendig für Einrichtungen, die ein hohes Maß an Datenaustausch und  teilung anstreben (DSV, Österreich; DRV Bund, Deutschland; URSAAF Landeskasse, Frankreich). Auch Initiativen, welche auf einer Gesetzgebung beruhen, die verschiedene Akteure ausdrücklich zur Zusammenarbeit auffordert, können die Ergebnisse verbessern (DOST, Aserbaidschan; SODRA, Litauen; Institut für Informatik, Portugal). Es ist daher wichtig, dass die Einrichtungen nicht nur die notwendigen Ressourcen für eine aktive Zusammenarbeit zwischen Institutionen für das Herbeiführen von Win-Win-Szenarien, sondern auch zwischen verschiedenen Akteuren für das Erzielen von Skaleneffekten mit anderen Einrichtungen bereitstellen. Die ständige Notwendigkeit des Risikomanagements hinsichtlich Datenschutz und Informationssicherheit ist ein weiterer Schlüsselaspekt, der besondere Aufmerksamkeit erfordert. Die Umsetzung von Datenaustausch-Mechanismen ist oft langwierig, und die Einrichtungen sollten schrittweisen Ansätzen zur laufenden Einbindung der Akteure folgen (DOST Aserbaidschan; DSV Österreich, URSAAF Frankreich).

Schließlich ist es wichtig, die Bedeutung der Nutzung und des Aufbaus von Mechanismen für den standardisierten Datenaustausch zu betonen, was zum Ökosystem der digitalen öffentlichen Güter entscheidend beiträgt (Digital Public Goods Alliance, 2021). Die Einführung von Lösungen aufbauend auf zuvor eingerichteten Ökosystemen mit öffentlichem Wert (ONEM, Belgien; DSV, Österreich, DOST, Aserbaidschan; URSAAF Landeskasse, Frankreich) kann letztlich einen stärker integrierten Ansatz hinsichtlich der Dienste und Leistungen der sozialen Sicherheit festlegen und zum Aufbrechen verhärteter Datenstrukturen beitragen, die oft zwischen Einrichtungen bestehen.

Letzten Endes sind die durch Datenaustausch- und  teilungsmechanismen ermöglichten Ansätze der interinstitutionellen Zusammenarbeit wesentlich, damit die Organisationen den Menschen eine koordinierte Antwort und maßgeschneiderte Unterstützung im Zuge ihrer Lebensereignisse und Übergänge bieten. Dies erhöht wiederum die Wirksamkeit der Sozialleistungen und  dienste und führt zu besseren Ergebnissen für die Menschen im Laufe ihres Lebens.

Referenzen

Abteilung Wirtschaft und Soziales der Vereinten Nationen. 2022. E-Government Survey 2022. The Future of Digital Government. New York.

Aliyeva, Z. 2023. „Reform of the system of rehabilitation of people with disabilities in Azerbaijan: a new social model transformation“, in Disability & Society, Bd. 38, Nr. 3.

Amt für nachhaltige und operationelle soziale Sicherheit (DOST). 2024. Elektronisches System für das individuelle Rehabilitationsprogramm / Eine Praxis des Ministeriums für Arbeit und Sozialschutz der Bevölkerung der Republik Aserbaidschan (Gute Praxis in der sozialen Sicherheit). Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

Bundeskanzleramt. 2023. Umstieg von Handy-Signatur auf ID Austria. Wien.

Calvo, R.; Souto, P.; Ortiz, M. D. 2022. Die Rolle der sozialen Sicherheit für die Inklusion und den sozialen Zusammenhalt: Zusammenhänge verstehen. Genf, Fachausschuss für Forschung und Analyse der Politik der sozialen Sicherheit der IVSS.

Dachverband der Sozialversicherungsträger. 2024. E-Rezept: völlig digital (Gute Praxis in der sozialen Sicherheit). Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

Deutsche Rentenversicherung Bund. 2023. Gut informiert fürs Alter vorsorgen. Berlin.

Deutsche Rentenversicherung Bunde. 2024. Die Digitale Rentenübersicht: gute Altersvorsorge beginnt hier (Gute Praxis in der sozialen Sicherheit). Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

Digital Public Goods Alliance. 2021. Digital Public Goods Alliance 5 Year Strategy (2021-2026). (S.l.)

Institut für soziale Sicherheit. 2024. IT-Entwicklung zum Statut der Kulturschaffenden / Eine Praxis des Instituts für Informatik (Gute Praxis in der sozialen Sicherheit). Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

IVSS. 2022. Leitlinien der IVSS über Informations- und Kommunikationstechnologie. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

IVSS. 2023. Leveraging data exchange for better service delivery (Webinar). Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

Landesamt für Arbeit. 2024. Umgang mit den Folgen fragmentierter Berufsverläufe für die soziale Sicherheit Datengestützte Erkenntnisse des Dopflux-Verfahrens für die versicherungsmathematische Arbeit (Gute Praxis in der sozialen Sicherheit). Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

Staatliches Sozialversicherungsamt der Republik Litauen beim Ministerium für soziale Sicherheit und Arbeit. 2024. Leistung für Alleinstehende (Gute Praxis in der sozialen Sicherheit). Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

URSSAF Landeskasse. 2024. Harmonisierung des Austauschs zwischen den Partnern: das koordinierte Angebot der sozialen Sicherheit zur Begleitung von Selbständigen in Schwierigkeiten (Gute Praxis in der sozialen Sicherheit). Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.