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Sozialschutz, soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit
IVSS, 18.02.2010 | Feature
Als der Sozialschutz von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 als Menschenrecht anerkannt wurde, rückte er ins universelle Bewusstsein. Es war das Ende eines langen Weges, dessen Spuren man bereits bei Siun Tseu in China im 3. Jahrhundert v. Chr. findet. Allerdings beginnt sich der Gedanke erst ab dem 18. und 19. Jahrhundert in Europa zu behaupten, zuerst im Zuge der Philosophie der Aufklärung, dann im Kathedersozialismus in Deutschland, in der Fabian Society in England, in der katholischen Soziallehre oder in der in Frankreich entstandenen „Lehre von der Solidarität“.

Etwas später hat die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) insbesondere in der Erklärung von Philadelphia, die 1944 von der Internationalen Arbeitskonferenz angenommen wurde, wesentlich zur Ausbreitung des Sozialschutzes und der ihn begründenden Werte beigetragen; zu diesen Werten gehören in erster Linie die Solidarität, die Menschenwürde und die soziale Gerechtigkeit.

 

Solidarität

Solidarität ist der Grundwert des Sozialschutzes. Diese stellt in der Praxis nichts anderes dar als eine Reihe von Mechanismen zur Einkommensumverteilung zugunsten der Kranken, Invaliden, älteren Menschen, Familien mit Kindern, Arbeitslosen und Armen.

Wir möchten an dieser Stelle nur daran erinnern, dass die vom Sozialschutz geschaffene Solidarität zu zwei Hauptformen der Umverteilung führt: In ihrer vertikalen Form trägt sie die Sozialhilfe, da sie den Ärmsten ein Mindesteinkommen sichern will; was die horizontale Umverteilung angeht, so entspricht dieser Idee der Sozialversicherung, die sich von einer privaten Versicherung darin unterscheidet, dass sich die Beiträge nicht aus der Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines abgedeckten Risikos berechnen, sondern aus der Zahlungsfähigkeit des Beitragszahlers.

Auf diese Weise entspricht der Sozialschutz symmetrischen Vorstellungen von der Schuld des Individuums gegenüber der Gesellschaft, dessen Teil es ist (Solidaritätsgedanke) und des Rechts jedes Einzelnen auf Sicherheit gegenüber Lebensrisiken und einen ausreichenden Lebensstandard (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte). Gleichzeitig trägt die Solidarität auch zum Respekt der Menschenwürde bei.

 

Menschenwürde

Menschenwürde umfasst den dem Menschen aufgrund seines Wesens, das von seinem Bewusstsein, seiner Seele und seinem Geist bestimmt wird, gebührenden Respekt. Die Menschenwürde ist das Fundament der Philosophie der Menschenrechte. Diese sollen ihre Achtung garantieren; und in diesem Sinne sind sie universell.

So gesehen, als Menschenrecht, gründet der Sozialschutz auf der Anerkennung der Würde des Menschen. Indem er soziale Ungleichheiten zu verringern sucht, und zwar nicht im Namen der Gleichmacherei, sondern um jedem Einzelnen anständige Lebensbedingungen zu geben, trägt er dazu bei, dass diese Menschenwürde respektiert wird. So erscheint der Sozialschutz auch als eine Säule der sozialen Gerechtigkeit.

 

Soziale Gerechtigkeit

Soziale Gerechtigkeit setzt voraus, dass ungleiche natürliche Begabungen durch einen kollektiven Umverteilungsmechanismus korrigiert werden. Jeder, dessen Wohlfahrt von Umständen betroffen ist, die er nicht beeinflussen kann, sollte daher eine Kompensation erhalten, wobei das Ziel darin besteht, dass alle die gleichen Möglichkeiten und Chancen auf Wohlfahrt im gesamten Lebensverlauf haben.

Soziale Gerechtigkeit sollte nach den potenziellen Möglichkeiten beurteilt werden, d.h. der tatsächlichen Freiheit der verschiedenen Personen, die eine oder andere Lebensform zu wählen. Die soziale Gerechtigkeit folgt damit einer Logik der Chancengleichheit, welche die Wohlfahrt jedes Einzelnen im Auge behält.

Eine Gesellschaft ist daher umso gerechter, je mehr sie die Chancengleichheit verbessert. Aus diesem Blickwinkel lässt sich der Sozialschutz folgendermassen qualifizieren:

Der Sozialschutz ist ein Geflecht von Mechanismen der Einkommensumverteilung, das auf den Werten Solidarität, soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde aufbaut. Er sorgt dafür, dass die Ärmsten vom sozialen Fortschritt profitieren, mit Negativfaktoren verbundene Ungleichheiten, die das Potenzial der Betroffenen beeinträchtigen, verringert werden oder verschwinden, die Wahlmöglichkeiten der Individuen im gesamten Lebensverlauf erweitert werden und auf diese Weise die Chancengleichheit fördern und zur individuellen und kollektiven Wohlfahrt beitragen.

 

Werte und Vorteile des Sozialschutzes

In den kommenden Jahren dürfte der Sozialschutz immer stärker in den Zangengriff der vor ihm liegenden Herausforderungen und Schwierigkeiten bei der Erhöhung der Einnahmen geraten. Es ist daher heute wichtiger denn je zuvor, sich seiner Werte und Vorteile bewusst zu sein. Auf internationaler Ebene arbeiten Organisationen wie die IAO und die Internationale Vereinigung für soziale Sicherheit unermüdlich in diese Richtung, was in einer von neoliberalen Ideen beherrschten und der Hegemonie rein ökonomischer Werte bestimmten Welt nicht leicht ist. Auf der nationalen Ebene sollten Pädagogik und Solidarität nicht vernachlässigt werden, und man sollte zunächst und vor allem anderen daran denken, dass sich die eigentlichen Kriterien für den Erfolg einer Gesellschaft aus Fortschritten beim Respekt der Menschenrechte und der Menschenwürde ergeben.

Auszüge aus dem Artikel Sozialschutz: Werte, die es zu verteidigen gilt! von Alain Euzéby, zuerst erschienen in der Internationalen Revue für soziale Sicherheit (Vol. 57, 2/2004). Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Herausgebers. Download des vollständigen Textes dieses Artikels auf Englisch .


Region: International
Type: Feature
Themen: Über soziale Sicherheit

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