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IKT als strategische Verwaltungsintrumente: Eine Basis für dynamische soziale Sicherheit
IVSS, 03.06.2009 | Interview
Juan Carlos Yelmo García hielt den Eröffnungsvortrag an der Internationale Konferenz über Informations- und Kommunikationstechnologie in der sozialen Sicherheit, die vom 3. bis am 5. Juni 2009 in Spanien stattfindet.




Prof. Juan Carlos Yelmo García

IVSS: Die neuen Technologien spielen eine immer wichtigere Rolle in unserem Leben, auch beim Erbringen staatlicher Dienstleistungen. Welches sind heute die wichtigsten globalen Trends bezüglich der IKT in staatlichen Dienstleistungen?

Professor Yelmo: Das Erbringen von staatlichen Dienstleistungen bzw. die elektronische Verwaltung haben viel gemeinsam mit der Unterstützung durch IKT für die Verwaltungsorganisation und dem Erbringen von Dienstleistungen in Organisationen und Unternehmen ganz allgemein. Mein Beitrag zur Internationalen Konferenz über IKT in der sozialen Sicherheit enthält in der Tat eine Beschreibung der wichtigsten Trends, einerseits auf organisatorischer Ebene, andererseits auf jener der technologischen Entwicklung. Was letztere angeht, verweist der Beitrag auf die meiner Auffassung nach wichtigsten Entwicklungen in vier Bereichen: Hardware-Plattform, Netzumfeld, Software-Plattform und Entwicklungsprozess für Anwendungssoftware und Informationssysteme.

Hardware-Plattform . Die Technik der Virtualisierung ist vermutlich der Trend, der das größte Potential zur Kostenreduzierung bei Erwerb und Operation der Hardware-Infrastruktur bietet.

Die Virtualisierung besteht im Schaffen einer abstrakten, virtuellen oder vorgetäuschten Maschine, die mittels der Software die spezifischen Hardware-Bestandteile einer realen Maschine bei den Endanwendungen oder im operativen System ‚versteckt’, was die Übertragbarkeit der Anwendungen von der ursprünglichen Plattform auf eine andere Hardware oder die Aufteilung einer einzigen physischen auf verschiedene virtuelle Maschinen erlaubt.

Die Virtualisierung erlaubt es, die Anschaffungskosten, den Elektrizitätskonsum und den Operationsaufwand durch die Zentralisierung der Steuerung der Hardware-Plattform zu verringern. Zudem ist es möglich, in einem neuen Server zusammen mit den neuen Anwendungen die früheren weiter zu nutzen, die normalerweise nur in alten Versionen des operativen Systems funktionieren.

Netzumfeld . Trotz der Unterschiede zwischen den Telefon- und Internetnetzen diente die schwunghafte Entwicklung der Mobiltelefonnetze als Katalysator einer technologischen Konvergenz der sprach- und datengestützten Netzwerke. Diese Konvergenz wiederum ist in einem Kernnetz verankert, das auf dem IP-Protokoll für den Sprach-, Daten- und Multimediafluss basiert.

Die Fest- und Mobiltelefon-Netzwerke sowie die Datennetze, insbesondere das Internet, werden in diesem Szenario nicht verschwinden, sondern sich Netze für den Zugang zu einem gemeinsamen Kernnetzwerk verwandeln, das auf der IP-Technologie beruht. Diese gestalterische Zielsetzung wird häufig auch Netzwerk der nächsten Generation (    Next Generation Network ) genannt.

Es handelt sich dabei nicht um eine Alternative, sondern um eine nicht unkehrbare Entwicklung. Die neuen Telematikdienste sind konvergente Systeme, die ein integriertes Interkonnektivitätsnetzwerk verwenden, dass grundlegende Dienste für Daten, Messaging, Zusammenarbeit, Sprache, Multimedia etc. gemeinsam mit Zusatzdienstleistungen wie Lokalisierung, Präsenz, Identitätsmanagement bietet.

Software-Plattform . Die Softwareplattformen und –technologien sind in ständiger Entwicklung und fast täglich erscheinen Dutzende von neuen Gestaltungsformen, Programmiersprachen, Entwicklungs- und Ausführungsumfeldern, Trägern für die verschiedenen Prozessabläufe im Lebenszyklus der Software, Intermediations-Plattformen und eine Vielzahl anderer Technologien.

Wir können deutlich eine neue gestalterische Zielsetzung bei den neuen Anwendungen ausmachen, die ein großes Potential bezüglich der Komplexitätsbewältigung sowie der Entwicklungs- und Wartungskosten der Anwendungen und Dienste auf dem Internet zeigen.
Es handelt sich um die Web-Dienste und die sogenannte serviceorientierte Architektur (SOA, Service Oriented Architecture ).

Entwicklungsprozesse . Die Entwicklung der Software-Systeme erscheint oft als eine problematische und unausgereifte Angelegenheit, der ein übler Ruf anhaftet, was gescheiterte Projekte, wichtige auf Vereinfachungen beruhende Entscheidungen, fehlende Abstimmung mit den gestützten Prozessen, Probleme bei der Erfüllung der funktionalen Voraussetzungen wie Sicherheit, Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit, versteckte Entwicklungs- und Wartungskosten, die immer über die Haushaltsansätze hinausgehen, Schwierigkeiten mit der Steuerung und Operation etc. angeht.

Einige dieser Probleme lassen sich mit neuen Organisationsabläufen für die Entwicklung der Software-Systeme lösen. Zwei der interessantesten Entwicklungen in diese Richtung sind die sogenannten beweglichen Prozesse (wie Extreme Programming oder Scrum ) bzw. das als Model Driven Architecture bezeichnete Transformationsprozess-Modell.

 

Wie wirken sich diese neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auf staatliche Institutionen aus? Können sie einige praktische Beispiele aus dem öffentlichen Dienst geben?

Die IKT stellen für die meisten Unternehmen und Organisationen auf der Welt eine unverzichtbare Stütze dar, unabhängig davon, ob es sich um Klein-, Mittel oder Großbetriebe, staatliche Verwaltungseinrichtungen oder große internationale Organisationen handelt. Investitionen in Informationssysteme und IKT-Infrastrukturen erlauben ein nachhaltiges Wachstum und die technische und organisatorische Verfeinerung und Reife fortgeschrittener Entwicklungs- und Operationsstrukturen führen zu einem bisher ungekannten Effizienz- und Effektivitätsniveau in der gesellschaftlichen Organisation, Wirtschaftstätigkeit, im Wohlfahrtsstaat und zu einem in der Menschheitsgeschichte bisher unerreichten Zugang zu Information und Wissen.

Im staatlichen Sektor Spaniens können wir im Bereich der Dienstleistungen für den Bürger eine Reihe von bemerkenswerten technologischen Initiativen ausmachen:

  • Der praktisch universelle Zugang zum Internet über feste und bewegliche Netzwerke.
  • Das Einführen elektronischer Identitätspapiere.
  • Das Einrichten einer staatlichen Zertifizierungsstelle (CERES) für die Bestätigung elektronischer Unterschriften und die Feststellung der digitalen Identität
  • Das Einführen von Webportalen mit Telematikdiensten für den Bürger auf allen Ebenen der staatlichen Verwaltung. Unter anderen gibt es die Portale der zentralen Anlaufstellen der staatlichen Verwaltung, der sozialen Sicherheit, der Verkehrsaufsicht und der Steuerbehörde, der autonomen Gemeinden und Provinzen für den Bürger.

 

Welche sind die größten Herausforderungen und Risiken in Zusammenhang mit IKT-Entwicklungen, insbesondere für den staatlichen Sektor, einschließlich der Träger der sozialen Sicherheit?

Das beständige Wachstum und die Komplexität der Systeme und Technologies birgt das Risiko, dass eine schlechte Steuerung der technologischen Infrastruktur die Abläufe, Organisationssysteme und sozialen Strukturen zusammenbrechen lässt, deren Potential sie eigentlich zur vollen Entfaltung brinden sollen. So besteht die Hauptaufgabe darin, eine zunehmend komplexe technologische Infrastruktur zu meistern, welche die Antwort auf die Erfordernisse in einem Umfeld sind, das in ständigem Wandel begriffen ist.

 

Bestehen besondere Risiken oder Chancen für Entwicklungsländer und besteht ein großer Unterschied im Vergleich zu IKT-Trends in den Industrieländern?

Zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern bestehen erhebliche Entwicklungsunterschiede bezüglich der Investitionskapazitäten in die IKT-Infrastruktur sowie der Zugangsmöglichkeiten und Kompetenzen der Bürger in diesem Bereich. In diesem Zusammenhang lohnt es sich den IKT-Entwicklungsindex (    ICT Development Index ) zu konsultieren, den die International Telecommunication Union (ITU) geschaffen und im März 2009 veröffentlicht hat.

Zu den wichtigsten Ergebnissen dieses Berichts gehört die Feststellung, dass die IKT-Durchdringung weltweit allgemeine Fortschritte gemacht hat (30 Prozent Wachstum in den letzten fünf Jahren), wobei die wirtschaftlich am weitesten entwickelten Länder die Klassifikation anführen. Dazu gehören die Länder Nordeuropas und Südkorea. Allerdings lassen sich erhebliche Fortschritte in den Schwellenländern China, Pakistan, Saudi-Arabien und Vietnam feststellen. Die digitale Kluft zwischen reichen und armen Ländern verringert sich jedoch nur langsam und die Zugangskosten zur IKT sind in den armen Ländern erheblich höher (20 Prozent der Einnahmen gegenüber 1,6 Prozent in den Industrieländern).

 

Welche Technologien würden Sie als solche der nächsten Generation  bezeichnen, die zu grundlegenden Veränderungen in den staatlichen Organisationen führen könnten?

Die am deutlichsten erkennbaren technologischen Entwicklungen haben wir bereits genannt. Als Phänomen des globales technologischen und sozialen Umfeldes verweisen wir auf das neue Web (2.0 oder darüber) mit Inhalten und Dienstleistungen für die Nutzer, neuen Modellen der sozialen Interaktion, das semantische Web und neue Mutimedia-Dienste.

 

Professor Juan Carlos Yelmo García ist Ingenieur in Telekommunikation und ordentlicher Universitätsprofessor im Fachbereich Ingenieurswesen Telematiksysteme am Polytechnikum (Universidad Politécnica) von Madrid (DIT-UPM). Er hat als Wissenschaftler und Koordinator von zahlreichen Forschungsprojekten auf internationaler und nationaler Ebene in den Bereichen Service Engineering, digitale Identität und Privatsphäre, Zugangsund Nutzungsmöglichkeit von Telematikdiensten, verteilten Applikationen und Middleware.


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