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Als die Krise 2007 ausbrach, wies eine Reihe von Kommentatoren darauf hin, dass sie sich nicht nur auf die Beschäftigung und die Renten negativ auswirken würde, sondern auch höhere Gesundheitskosten nach sich ziehen würde, insbesondere durch eine höhere Inzidenz psychischer Erkrankungen ( 1, 2). Es wurde argumentiert, dass die Krise ein belastenderes Umfeld schaffen würde und sich dies negativ auf die psychische Gesundheit von Arbeitnehmern auswirken würde. Gleichzeitig würden jegliche Abstriche bei den Rückstellungen für Sozialleistungen das Problem zusätzlich verschärfen. In diesem Beitrag präsentierte neuere Belege scheinen diese Vorhersage zu bestätigen.
Was können wir aus früheren Krisen lernen?
Belege zu früheren finanziellen und wirtschaftlichen Schocks veranschaulichen die negativen Auswirkungen, die Krisen auf die psychische Gesundheit von Arbeitnehmern und neu von Arbeitslosigkeit betroffene Personen haben können. Eine neuere Metaanalyse kommt zu dem Ergebnis, dass Rezessionen und Krisen negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben ( 3).
Auch frühere Belege stützen die Besorgnis, die Manager der sozialen Sicherheit mit Blick auf die negativen Folgen der jüngsten Finanzkrise, die zu einer langwierigen, in vielen Ländern mit einer Schuldenkrise verbundenen Konjunkturrezession führte, für die psychische Gesundheit hegen sollten.
Diese Besorgnis müsste angesichts des Umstands noch größer werden, dass vom Internationalen Arbeitsamt (IAA) durchgeführte Analysen ( 4) für den Zeitraum von 1990 bis 2003 einen Anstieg der Häufigkeit und der Schwere von systemischen Schocks (das heißt von Finanz- und Wirtschaftskrisen) ergeben haben, die laut dem Amt mit der größeren wirtschaftlichen Liberalisierung zusammenhängen.
In dem IAA-Bericht wird auch behauptet, dass die Zunahme systemischer Schocks eine systemische Unsicherheit impliziert, die so beschaffen ist, dass mit herkömmlichen Formen der Sozialversicherung nur schwer Deckung dagegen zu leisten ist. Größere wirtschaftliche Unsicherheit resultiert wahrscheinlich in einer Zunahme der psychischen Erkrankungen und somit zu höheren Leistungsansprüchen. Diese Leistungen werden von den Verwaltungen der sozialen Sicherheit getragen werden müssen. Kurzum: Mehr Krisen werden die Kosten der Sozialversicherung erhöhen.
Rezession und psychische Gesundheit
Krisenanalysen zeigen, dass höhere Arbeitslosigkeit unweigerlich negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit nach sich zieht. Es wird allgemein anerkannt, dass Arbeitslose häufiger unter psychischen Belastungen leiden als Personen in einem Beschäftigungsverhältnis, sodass argumentiert werden kann, dass Krisen die Intensität und das Ausmaß psychischer Belastungen verschärfen. Beispielsweise wurden in einer Langzeitstudie von Paul und Moser ( 5) psychologische Probleme bei durchschnittlich 34 Prozent der Arbeitslosen festgestellt, im Vergleich zu 16 Prozent bei Personen in einem Beschäftigungsverhältnis. Folglich erhöht die durch Krisen ausgelöste Arbeitslosigkeit die Inzidenz psychischer Gesundheitsprobleme beträchtlich. Je länger die Arbeitslosigkeit anhält, desto schwerwiegender sind ihre Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Zudem kann eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit eines Familienmitglieds (besonders bei einem Einkommensverdiener) eine negative Kettenreaktion auslösen wie höheren Stress innerhalb der Familie und eine möglicherweise beschwerliche Betreuung. Anderen Studien zufolge waren die negativen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die psychische Gesundheit auch größer in Ländern mit einem niedrigen Stand der wirtschaftlichen Entwicklung, ungleicher Einkommensverteilung oder schwachen Systemen zum Schutz bei Arbeitslosigkeit, verglichen mit anderen Ländern mit robusteren Systemen.
Die höhere Inzidenz psychischer Gesundheitsprobleme bedingt, wie nicht weiter verwundert, auch eine höhere Suizidrate. Auch wenn die Suizidmotive sehr persönlich sind, scheinen Krisen dennoch die Suizidinzidenz in die Höhe zu treiben. Angesichts der unmittelbaren Beziehung zwischen sich verschlechternden sozialen Bedingungen und innerem Wohlbefinden sollte dies nicht weiter überraschen. Beispielsweise ergab eine Studie zu 26 europäischen Ländern zwischen 1970 und 2007, dass jeder Anstieg der Arbeitslosigkeit um 1 Prozent mit einem Anstieg der Suizidrate der unter 65-Jährigen um 0,79 Prozent einherging.
Es kann angenommen werden, dass Schocks, die höhere Arbeitslosigkeit und die damit zusammenhängenden negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit nach sich ziehen, in einer höheren Suizidrate resultieren. Diese Annahme wird von Belegen aus der asiatischen Wirtschaftskrise gestützt, die einen beträchtlichen Einfluss auf die Suizidinzidenz in dieser Region hatte ( 6). Im Vergleich zu 1997 stieg die Suizidrate 1998 in Japan um 39 Prozent, in Hongkong um 44 Prozent und in der Republik Korea um 45 Prozent, wobei die Anstiege bei Frauen geringer ausfielen. In diesen Ländern wird die asiatische Wirtschaftskrise damit in Verbindung gebracht, dass 1998 10 400 Suizide mehr als 1997 registriert wurden ( 7).
Was andere gesundheitliche Auswirkungen und die Sterblichkeit allgemein betrifft, können Krisen außerordentlich gravierende Auswirkungen haben. Elf Studien mit dem Schwerpunkt auf Daten aus der Russischen Föderation, der Republik Korea sowie süd- und mittelamerikanischen, afrikanischen und europäischen Ländern kamen zu dem Ergebnis, dass Wirtschaftskrisen mit einem Anstieg der Sterblichkeit über alle Ursachen (das heißt Herz-Gefäß-Krankheiten, Atemwegsinfektionen, chronische Leberleiden, Suizide, Morde und Säuglingssterblichkeit) verbunden waren ( 3). Anhand eines anderen bemerkenswerten Beispiels zeigen Stuckler et al. auf, dass mit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems im Jahr 1991 und dem damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Niedergang ein rascher Anstieg der Sterberaten um bis zu 20 Prozent einherging. Dies entsprach ungefähr drei Millionen zusätzlicher Sterbefälle, was in Friedenszeiten eine absolut katastrophale Zahl ist ( 8). Der wirtschaftliche Niedergang und der Abbau des staatlichen Sozialschutzes, die in den Ländern der früheren Sowjetunion folgten, trugen in Russland zum Rückgang der Lebenserwartung von Männern von 64 auf 58 Jahre bei ( 9), und man kann gewiss von beträchtlichen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit ausgehen. Die Krise unterstreicht, wie tiefgreifend sich wirtschaftliche Widrigkeiten auf die psychische Gesundheit auswirken.
Die Auswirkungen der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise
In jeder Gesellschaft gibt es stets ein gewisses Maß an psychischen Erkrankungen. Etwa 8 bis 26 Prozent der Bevölkerung in den Industrieländern sind zu irgendeinem Zeitpunkt von psychischen Gesundheitsproblemen betroffen, wobei Italien den geringsten und die Vereinigten Staaten den höchsten Anteil verzeichnen ( 10, 11). Es scheint jedoch, dass die jüngste Krise das Ausmaß dieser Situation verschärft hat.
Laut einer Erhebung, die im Vereinigten Königreich im Auftrag von MIND, einer gemeinnützigen Organisation zur Vertretung der Interessen von Personen mit psychischen Erkrankungen, von dem Meinungsforschungsunternehmen Populus durchgeführt wurde, hat die Krise die psychische Gesundheit von Arbeitnehmern in diesem Land beeinträchtigt ( 12). Die Befragung von 2 050 Arbeitnehmern ergab, dass als eine unmittelbare Folge der Krise 10 Prozent der Arbeitnehmer ärztliche Unterstützung benötigten. Gleichermaßen begannen 7 Prozent eine Behandlung mit Antidepressiva, und 5 Prozent gaben an, wegen Stress und psychischen Gesundheitsproblemen, die unmittelbar durch den von der Krise an ihrer Arbeitsstätte ausgelösten Druck verursacht wurden, einen Therapeuten aufgesucht zu haben. Die Erhebung ließ auch einen beträchtlichen Anstieg des so genannten „Präsentismus“ erkennen, das heißt, dass sich Arbeitnehmer gezwungen fühlten, Überstunden zu machen, um anfallende Mehrarbeit zu bewältigen und ihren Arbeitsplatz zu behalten. 28 Prozent gaben demnach an, länger zu arbeiten. Ein Drittel der Arbeitnehmer berichtete auch, das Arbeitsumfeld sei konkurrenzbetonter geworden und die Arbeitsplatzmoral habe sich deutlich verschlechtert.
MIND zufolge stimmen die Ergebnisse der Erhebung der Organisation mit Statistiken der britischen Regierung überein, die einen beispiellosen Anstieg der Verschreibung von Antidepressiva von 35,9 Millionen Rezepten im Jahr 2008 auf 39,1 Millionen im Jahr 2009 ausweisen. Die Erhebung von MIND belegt den Zusammenhang zwischen der Krise, Gesundheitsproblemen und Behinderungen und lässt auf potenzielle Kosten für das Gesundheitssystem schließen.
Eine Umfrage, die im vom Institute for Labour Studies veröffentlichten Bericht World of Work Report 2010 dokumentiert wurde, lässt darauf schließen, dass die Krise einen beispiellosen Rückgang der Lebenszufriedenheit ausgelöst hat ( 13). Konkret äußert sich dies unter anderem in größerem Pessimismus in Bezug auf die Lebensqualität, geringerem Vertrauen in die Fähigkeit von Regierungen zur Gestaltung einer besseren und faireren Zukunft sowie mehr sozialer Unruhe.
Dem Bericht zufolge erklärt sich das verschlechternde soziale Klima durch höhere Arbeitslosigkeit und größere Einkommensungleichheit als Folgen der Krise. In dem Bericht wird eine klare Verbindung zwischen der Krise, den Arbeitsmarktbedingungen und der psychischen Gesundheit hergestellt und behauptet, dass „die Schwierigkeiten für Arbeitsuchende, eine neue Stelle zu finden, desto größer werden, je länger die Rezession am Arbeitsmarkt anhalten wird. In den 35 Ländern, für die Daten vorliegen, sind fast 40 Prozent der Arbeitsuchenden seit mehr als einem Jahr ohne Stelle und laufen deshalb in hohem Maß Gefahr, von Demoralisierung, Verlust des Selbstwertgefühls und psychischen Gesundheitsproblemen betroffen zu werden“ (13).
In vielen Industrieländern löst die Krise heute immer noch negative Folgen auf die psychische Gesundheit aus (siehe Kasten 1). Kraftloses Wachstum und Schwierigkeiten aufgrund der Notwendigkeit, nationale Schulden und Defizite zu senken, behindern auch weiterhin diese Länder.
Kasten 1. Die Auswirkungen der Krise in Griechenland
Griechenland ist das bis heute am stärksten von den Auswirkungen der Finanzkrise betroffene Land. In der Folge kam es zu beträchtlicher politischer und sozialer Instabilität. Seine Schuldenprobleme haben das Land an den Rand des Staatsbankrotts geführt. Die Schulden wuchsen zwischen 2007 und 2010 von 105,4 Prozent auf 142,8 Prozent des BIP (von €239,4 Milliarden auf €328,6 Milliarden), beträchtlich mehr als in jedem anderen EU-Staat ( 15). Um die zunehmende Verschuldung zu bremsen und zu senken, nahm Griechenland eine erhebliche Straffung seines Haushalts vor, wozu auch tiefgreifende Kürzungen der Sozialausgaben (z.B. durch eine Senkung der Löhne und Zuschüsse für Staatsbeamte sowie der Renten) zählen. 2009 belief sich diese Haushaltsstraffung auf €30 Milliarden (entspricht 13 Prozent des BIP) ( 13). Es wird damit gerechnet, dass das Budget für 2012 ebenfalls Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen in der Höhe von rund €6,5 Milliarden beinhalten wird ( 16). Infolgedessen hat Griechenland wichtige Erfahrungen mit schlechter psychischer Gesundheit und sozialen Folgen gemacht:
Weitere Kürzungen von Zugang zu und Höhe der Leistungen sind zu erwarten, sobald die härteren Sparmaßnahmen greifen. Dadurch dürften sich die Probleme, denen sich die Griechen bei der Aufrechterhaltung einer guten psychischen und physischen Gesundheit gegenübersehen, weiter zunehmen. Die Erfahrung, die Griechenland gerade macht, unterstreicht die Notwendigkeit für die Regierungen, Geschwindigkeit, Tiefe und Art der von ihnen möglicherweise zu ergreifenden Kürzungen sehr sorgfältig zu überdenken.
Die Auswirkungen systemischer Schocks auf die psychische Gesundheit durch Sozialschutz verringern
Untersuchungen über die Auswirkungen von Krisen zeigen klar, dass dort, wo Sozialschutz besteht, die Auswirkungen von Krisen auf die psychische Gesundheit beträchtlich verringert werden können ( 4). Beispielsweise wurde in einer Studie zu EU-Ländern festgestellt, dass pro 10 US-Dollar, die pro Person in aktive arbeitsmarktpolitische Programme investiert wurden, die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die Suizidrate um 0,038 Prozent verringert wurden ( 5). Eine andere Untersuchung zu 27 OECD-Ländern für den Zeitraum von 1980 bis 2003 ergab, dass der Schutz durch Sozialfürsorge ein entscheidender Faktor für die Suizidprävention sein kann, weil die psychische Gesundheit besser geschützt wird. Dies gilt insbesondere für Länder, die eine soziale Krise durchlaufen oder einen folgenschweren und oft schmerzvollen Übergang ( 15). In der bereits erwähnten Metaanalyse wird eine wichtige Schlussfolgerung gezogen: Aktive arbeitsmarktpolitische Programme, die Arbeitnehmer in Beschäftigungsverhältnissen halten oder wiedereingliedern, wurden als eine Maßnahme eingestuft, die manche negative gesundheitliche Auswirkungen von Rezessionen verringern kann ( 4).
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat gewarnt, dass in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen, in denen die Deckung durch die soziale Sicherheit und die Krankenversicherung gering ist, die Auswirkungen der Krise besonders groß sein könnten ( 20). In diesen Ländern kann die soziale Sicherheit eine wichtige soziale Präventionsrolle spielen. Gemäß einer anderen WHO-Quelle ( 21) gehen heute fast 70 Prozent der Ausgaben für die psychische Gesundheit an Institutionen. Wenn die Länder mehr auf Ebene der Erstversorgung ausgeben würden, könnten sie dadurch mehr Menschen erreichen und so die Probleme frühzeitig genug angehen und so den Bedarf nach kostspieliger Krankenhauspflege (siehe unten) reduzieren. Dies unterstreicht einmal mehr, wie relevant der von der IVSS ins Zentrum gestellte, präventive Ansatz ist.
Der beschriebene Sachverhalt bestätigt die wichtige Rolle, welche die soziale Sicherheit als Reaktionsmechanismus zur Abfederung der psychologisch schädlichen Auswirkungen von Wirtschafts- und Finanzschocks haben kann, und unterstreicht erneut ihren unschätzbaren sozialen Wert. Er zeigt auch, dass in Erwartung negativer Krisenfolgen ergriffene, proaktive Maßnahmen (Präventionsmaßnahmen eingeschlossen) äußerst wirksam sein können.
Die Bedeutung für Systeme der sozialen Sicherheit
Angesichts von Prognosen, dass Arbeitsmarktprobleme und hohe Arbeitslosigkeit fünf Jahre ( 13) länger anhalten könnten als ursprünglich vorhergesagt ( 22), ist zu erwarten, dass die Ängste in Bezug auf den Verlust von Einkommen und Arbeitsplatz fortbestehen werden. Dies bedeutet mit großer Wahrscheinlichkeit, dass sich psychische Gesundheitsprobleme für Regierungen und Arbeitgeber zu einem zunehmend schwerwiegenden gesundheitspolitischen Problem entwickeln werden.
Es ist wahrscheinlich, dass die Krise in allen davon betroffenen Ländern Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hatte. Dies bietet Anlass zur Sorge, nicht nur unter dem Gesichtspunkt beeinträchtigten menschlichen Wohlergehens, sondern auch, weil es negative Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaftsleistung und die Funktionsfähigkeit der Systeme der sozialen Sicherheit haben wird. Es wird geringere Produktivität zur Folge haben und für die Systeme der sozialen Sicherheit niedrigere Beitragseinnahmen sowie höhere Ausgaben bedeuten. Beispielsweise sind die finanziellen Kosten psychischer Erkrankungen erheblich, weil sie zu niedrigerer Produktivität beitragen, denn bei psychisch Kranken ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie in einem Beschäftigungsverhältnis sind und darin bleiben. Darüber hinaus gibt es Kosten für die Gesellschaft, wenn es notwendig wird, Leistungen bei Invalidität und Arbeitslosigkeit zu gewähren. Nach Angaben eines Psychologen vom Kings College in London wird für diese Kosten geschätzt, dass sie sich auf etwa 19 Milliarden US-Dollar jährlich oder etwa 1 Prozent des Bruttosozialprodukts des Vereinigten Königreichs belaufen ( 23).
In den letzten 10 bis 15 Jahren waren psychische Erkrankungen der Grund, dass in vielen Industrieländern eine hohe Zahl von Personen neu Empfänger von Leistungen bei Invalidität wurde. Beispielsweise zeigen neuere Zahlen für die Schweiz von 2009, dass in dem Jahr 42 Prozent aller wegen Invalidität neu ausgezahlten Leistungen auf Leistungen im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen entfielen ( 24). Außerdem erweisen sich Empfänger von Leistungen bei Invalidität häufig als diejenigen, bei denen die Wiedereingliederung in eine Vollzeitbeschäftigung am schwierigsten ist. Des Weiteren ist es wahrscheinlich, dass höhere Leistungen bei Krankheit (als Ersteffekt) und medizinische Ausgaben (für Medikamente und psychiatrische Behandlung) anfallen werden. Diese Notwendigkeit, die finanziellen Mittel zu erhöhen, steht im Widerspruch zu den Finanzierungsbeschränkungen, denen sich viele Regierungen gegenübersehen, die vorrangig ihre Defizite und Schulden reduzieren müssen. Die Sozialausgaben einzuschränken, stellt da natürlich eine offensichtliche Option dar, doch ein solcher Ansatz könnte das Engagement gefährden, das soziale Wohlergehen zu wahren. Werden die Leistungen zur gleichen Zeit gekürzt, in der die Nachfrage nach Sozialleistungen steigt, besteht die Gefahr, dass das Ausmaß der psychischen Gesundheitsprobleme in der Bevölkerung noch verschärft wird.
Schlussfolgerung
Die in diesem Artikel vorgestellten Untersuchungen und Erfahrungen sollten für Verwaltungen der sozialen Sicherheit, Arbeitgeber und andere Stakeholder Anlass sein, darüber nachzudenken, wie sie die durch Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit bedingten Auswirkungen der jüngsten Krise am besten begrenzen können. Es bedarf eines ganzheitlichen Ansatzes mit allen Stakeholdern. Für Arbeitgeber erfordert dies bessere Praxis am Arbeitsplatz, um ihr Personal zu schützen und sicherzustellen, dass sowohl Arbeitnehmer als auch das Unternehmen die jüngste Krise und zukünftige Krisen unter Arbeitsbedingungen bewältigen können, die so stabil wie möglich sind.
In allen Sparten der sozialen Sicherheit besteht ein wachsender Bedarf nach der Förderung von präventiven Ansätzen. Dazu gehört auch, in erster Linie das Auftreten von Risiken zu verhindern und Einzelpersonen und Familien dabei zu unterstützen, sich bestmöglich anzupassen, wenn sie mit einer Notlage konfrontiert werden. Auch sollten die Präventionsmaßnahmen einen Eckpfeiler des Ansatzes von im Bereich Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz Tätigen darstellen.
Die soziale Sicherheit kann eine wichtige Rolle dabei spielen, Ungleichheit und Armut zu verringern, Versicherung in Krisenzeiten zu bieten und auf diese Weise psychische Erkrankungen zu begrenzen.
Dies ist eine aktualisierte Version eines Artikels, der im Dezember 2010 zum ersten Mal veröffentlicht wurde.
(1) Reuters. 2008. Financial crisis to increase mental health woes - World Health Organization. www.alertnet.org/thenews/newsdesk/L9419369.htm
(2) Smith. R. 2008. ‘Financial crisis will hit mental health of the nation, warn Government advisors’, in The Daily Telegraph . www.telegraph.co.uk/finance/financetopics/financialcrisis/3235790/Financial-crisis-will-hit-mental-health-of-the-nation-warn-Government-advisors.html
(3) Uutela, A. 2010. ‘Economic crisis and mental health’, in Current Opinion in Psychiatry ,Vol 23, No. 2.
(4) ILO. 2004. Economic security for a better world . ILO: Geneva.
(5) Paul, K. & K. Moser 2009. 'Unemployment impairs mental health: meta-analysis' in Journal of Vocational Behaviour 2009, No. 74.
(6) Stuckler D. et al. 2009. 'The public health effect of economic crisis and alternative policy responses in Europe: An empirical analysis’, in The Lancet , No. 374.
(7) Chang, S-S., Gunnell, D., Sterne JAC, et al. ‘Was the economic crisis 1997-1998 responsible for rising suicide rates in east/south east Asia? A time-trend analysis for Japan, Hong-Kong, South Korea, Taiwan, Singapore and Thailand', in Social Science &Medicine , Vol. 68, No 7.
(8) Stuckler, D. et al. 2009. ‘The health implications of the financial crisis: A review of the evidence’, in Ulster Medical Journal , Vol 78, No. 3.
(9) Standing, G. 2008. ‘The ILO: An agency for globalization?‘ in Development and Change, Vol 39, No. 3.
(10) Picket, K. & Wilkinson, R. 2010. The spirit level: Why equality is better for everyone . London: Penguin.
(11) Layard, R. 2005. Happiness: Lessons from a new science . London: Allen Lane.
(12) MIND. 2010. Workers turn to antidepressants as recession takes its toll.
www.mind.org.uk/news/3372_workers_turn_to_antidepressants_as_recession_takes_its_toll
(13) International Institute for Labour studies. 2010. World of work report: From one crisis to the next? International Labour Organization. http://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---dgreports/---dcomm/documents/publication/wcms_145112.pdf
(14) Rettmann, A. 2010. 'Mental health experts fear crisis will cause spike in suicides'. in EU Observer , 15 February. http://euobserver.com/867/29456
(15) Kentikelenis, A. et al. 2011. ‘Health effects of financial crisis: Omens of a Greek tragedy’, in The Lancet . www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2811%2961556-0/fulltext#bib1
(16) The Financial Times. 2011. Greek cabinet approves budget cuts. www.ft.com/cms/s/0/17955778-ed13-11e0-be97-00144feab49a.html#axzz1bF47FfM8
(17) BBC. 2011. Confronting suicide as Greek social problems mount . www.bbc.co.uk/news/world-europe-15334586
(18) Salles, A. 2011. <<Grèce la grande dépression>>, Le Monde.
(19) Park, Y. et al. 2009. ‘The association between public social expenditure and suicides: evidence from OECD countries’, in Journal of Preventive Medicine & Public Health ,Vol 42, No. 2.
(20) World Health Organization. 2009. The financial crisis and global health: Report of a high-level consultation . World Health Organization: Geneva. www.who.int/mediacentre/events/meetings/2009_financial_crisis_report_en_.pdf
(21) UN. On world Mental Health Day, Ban urges greater resources for mental disorders. www.un.org/apps/news/story.asp?NewsID=39981&Cr=health&Cr1=
(22) International Institute for Labour Studies, ILO. 2009. World of work report 2009
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www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---dgreports/---dcomm/documents/publication/wcms_118384.pdf
(23) BBC. 2009. Depression looms as a global crisis . http://news.bbc.co.uk/2/hi/8230549.stm
(24) Office fédéral de la statistique. 2010. Statistiques de la sécurité sociale: Statistique de l’Al décembre 2009 . www.bfs.admin.ch/bfs/portal/fr/index/news/publikationen.html?publicationID=3943