Seit über 120 Jahren, als die ersten Systeme der sozialen Sicherheit in Europa geschaffen wurden, gehören Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten zu den grundlegenden gedeckten Risiken, und Prävention, Entschädigung und Rehabilitation für berufsbedingte Krankheiten und Verletzungen sind weltweit wichtige Bestandteile vieler Systeme der sozialen Sicherheit.
Prävention: langfristige Investitionen für eine finanziell besser abgesicherte Zukunft?
Präventionsaktivitäten haben Millionen Leben gerettet, indem die Zahl berufsbedingter Unfälle und Krankheiten verringert wurde. Aber Prävention trägt auch dazu bei Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum zu fördern – ein wichtiger Aspekt, den Führungspersönlichkeiten und Entscheidungsträger aus der Wirtschaft berücksichtigen sollten, wenn es um Antworten auf die Finanz- und Wirtschaftskrise geht. Die mit Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten verbundenen Kosten werden auf 4 Prozent des BIP aller Länder weltweit geschätzt. Langfristige Investitionen in die Prävention zur Verringerung berufsbedingter Unfälle und Krankheiten können auch helfen, die Ausgaben für soziale Sicherheit zu senken, indem die Versicherungsleistungen und Gesundheitskosten reduziert werden, und sie können zur gesamten Wirtschaftsleistung eines Landes beitragen (2).
Die Auswirkungen der Krise auf Gesundheit und Sicherheit bei der Arbeit
Vergangene Rezessionen haben gezeigt, dass eine schwache Wirtschaft allgemein die Arbeitsbedingungen sowie die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit beeinträchtigen können. Zu den möglichen negativen Auswirkungen gehören:
Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz ist hinsichtlich der Wirkungen und Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise gemäß einer neuen Umfrage zum selben Schluss gekommen. Die Mehrzahl der zu den Auswirkungen der Krise befragten europäischen Bürger gaben an, die Krise werde zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen führen (Grafik 1).
Um eine erste Übersicht über mögliche Trends weltweit geben zu können, führte die IVSS bei ausgewählten IVSS-Mitgliedsinstitutionen der sozialen Sicherheit aus verschiedenen Regionen eine Umfrage durch (Grafik 2). Obwohl die Umfrage nur auf bestimmte IVSS Mitglieder begrenzt war und somit nicht repräsentativ ist, zeigt sie doch, dass die am stärksten von der Krise in Mitleidenschaft gezogenen Regionen auch die größte Beeinträchtigung der Arbeitsbedingungen verzeichneten.
Die Umfragedaten legen nahe, dass diese Sicht in unterschiedlichen Kontexten vorherrschte, sowohl in OECD- als auch in Entwicklungsländern. Große Unterschiede sind hingegen zwischen den Erfahrungen von Europa, Nord- und Südamerika (zum Beispiel bezüglich Stress und Beschäftigung) sowie im Rest der Welt festzustellen. Nachvollziehbarerweise waren andere Teile der Welt weniger von der Krise betroffen, da sie den vor allem in Nordamerika und Europa vorherrschenden Finanzproblemen weniger ausgesetzt waren.
Die Krise zwang zahlreiche Unternehmen, ihre Geschäftstätigkeit zu drosseln und wettbewerbsfähiger zu werden, was zu Entlassungen, Überstunden und höherer Arbeitslast und damit zu mehr Stress bei den Angestellten führte. Welche Auswirkungen hat dies auf die Sicherheit und den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (SGA)?
Eine verringerte Aktivität und geringere Beschäftigung in Hochrisikosektoren wie Bau und Fertigung scheint zu einer geringeren Anzahl von Unfällen zu führen. So stieg zum Beispiel in Italien die Arbeitslosenrate im letzten Jahr um 2 Prozent*, und die Berufsunfälle gingen um 10 Prozent zurück. Ähnliche Zahlen werden für Belgien, Spanien und die USA erwartet. Die Krise hat jedoch das Niveau der Arbeitsrisiken deutlich angehoben, das gegen den Unfallrückgang gegengerechnet werden muss, wenn man ein vollständiges Bild der Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die SGA erhalten will.
In vielen Sektoren haben Entlassungen die Arbeitslast und damit das Stressniveau der Arbeitenden erhöht. Bereits ein Drittel der Belegschaft gibt zu, „sehr besorgt“ zu sein, dass sie in Zukunft ihre Stelle verlieren könnten (3). Angesichts des bereits jetzt hohen Aufkommens von stressbedingten Krankheiten muss für die Zukunft mit einer noch schwierigeren Lage gerechnet werden. Dies wird aufgrund von Erfahrungen aus der Vergangenheit erwartet, als es in Ländern wie Finnland und den USA zu ähnlich stressreichen Arbeitssituationen kam und zugleich eine Zunahme von Mobbing- und Belästigungsfällen bekannt wurde. Gleichzeitig sagt eine neuere Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) voraus, dass die negativen SGA-Trends in einer sich ändernden Arbeitswelt wahrscheinlich durch die Krise verstärkt werden und dass die Anzahl der Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten steigen wird (4).
Der wirtschaftliche Abschwung und der Rückgang der Finanzen von Regierungen und Unternehmen führten in manchen Fällen zu Einschnitten bei Präventionsinvestitionen. Dies berichteten IVSS-Mitgliedsorganisationen in Argentinien, Brasilien, Kamerun und Spanien. Die USA hingegen wartete mit besseren Nachrichten auf: Der Bausektor, der von der Krise am schlimmsten betroffen war, hat die Präventionsschulungen bislang nicht reduziert. Desgleichen vermeldete Belgien, dass die Unternehmen ihre Ausgaben für das Sicherheits- und Gesundheitsmanagement nicht gekürzt haben, da reguläre SGA-Systeme gesetzlich vorgeschrieben sind und die Einhaltung auch durchgesetzt wird.
Eine neue Umfrage aus dem Vereinigten Königreich (5) weist darauf hin, dass die Wirtschaftskrise zu einem Anstieg der Zahl der Leute führen wird, die über das staatliche Rentenalter von 65 Jahren hinaus zu arbeiten gedenken. Aus dieser Umfrage geht hervor, dass 71 Prozent der Arbeitnehmer über 55 aufgrund der Auswirkungen der Krise auf Rentenfonds, Ersparnisse und Investitionen nun planen, über das staatliche Rentenalter hinaus arbeitstätig zu bleiben, da viele Menschen es sich schlicht nicht leisten können, in Rente zu gehen.
Wie die arbeitsfähige Bevölkerung im Alter sicher und gesund bleiben kann, könnte für SGA-Experten zu einer weitere Herausforderung werden. Gemäß Eurostat passieren die meisten tödlichen arbeitsbedingten Unfälle in der Altersgruppe 55-65. Bekannt ist auch, dass ältere Arbeitnehmer länger brauchen, um von Unfällen zu genesen, was zu einer längeren Abwesenheit vom Arbeitsplatz führt. Die Unfallversicherungen und die nationalen Behörden, die für die Prävention zuständig sind, werden deshalb Programme mit einem Schwerpunkt auf Sicherheit und Gesundheitsschutz für ältere Arbeitnehmer entwickeln müssen.
Lernen aus Erfahrungen
Die hier erörterten Ergebnisse zeigen ein breites internationales Spektrum möglicher Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die SGA. Sie bestätigen, dass sichergestellt werden muss, dass die bestehenden Präventionsanstrengungen durch die finanziellen Einschränkungen, vor denen Unternehmen, Institutionen der sozialen Sicherheit und Regierungen stehen, nicht beeinträchtigt werden.
Eine mangelnde Prävention von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten kann nicht durch wirtschaftliche Einschränkungen entschuldigt werden. Eine erfolgreiche und effektive Prävention ist oft das Ergebnis großer Verwaltungsanstrengungen und eines wirksamen sozialen Dialogs auf Unternehmensebene. Positive Änderungen können ohne großen finanziellen Aufwand eingeführt werden, und die Anfangsinvestitionen zum Beispiel in Sicherheitsschulung und Arbeitsschutzausrüstung zahlen sich aus, sobald die Präventionsstrategien greifen und die geringere Anzahl arbeitsbedingter Unfälle und Krankheiten zu geringeren Produktionskosten, zu weniger Abwesenheit vom Arbeitsplatz und damit zu höherer Motivation und Produktivität führen.
Wer dies erfolgreich umsetzen will, benötigt einen soliden rechtlichen Rahmen für SGA und geeignete Risikomanagementsysteme, insbesondere in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Dieser Ansatz ist auch Teil der umfassenderen Strategie der IVSS für eine dynamische soziale Sicherheit, die durch verschiedene Initiativen (6) eine weltweite Präventionskultur schaffen möchte und über den Besonderen Ausschuss für Prävention der IVSS Präventionsprogramme fördert (7).
Die soziale Sicherheit hat stets viel dazu beigetragen, die Arbeitnehmer und ihre Familien vor unterschiedlichen Unwägbarkeiten zu schützen, insbesondere in Zeiten der Krise. Das Niveau des Arbeitsschutzes muss während der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise und der schwierigen Zeit danach unbedingt aufrechterhalten werden. Wenn Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz beschnitten werden, kann dies die Wirtschaftslage durch die negativen Auswirkungen höherer Unfall- und Krankheitszahlen weiter verschlechtern. Die Prävention muss deshalb innerhalb der Strategien der sozialen Sicherheit eine Vorrangstellung einnehmen und als wichtige Investition in die wirtschaftliche Erholung unserer Volkswirtschaften betrachtet werden, die eine gesunde wirtschaftliche und soziale Entwicklung in der Zukunft sicherstellen kann.
* Im ersten Halbjahr 2009, verglichen mit dem ersten Halbjahr 2008.
(1) ISSA survey: Social security responses to the financial crisis. June 2009
http://www.issa.int/aiss/News-Events/News2/ISSA-Survey-Social-security-responses-to-the-financial-crisis
(2) DGUV. 2009. Return on prevention (in German only). http://www.dguv.de/bgag/de/forschung/forschungsprojekte_archiv/qdp/qdp_abschluss/_dokumente/qdp_ab05.pdf
(3) EU Social Agenda Magazine. November 2009. http://ec.europa.eu/social/BlobServlet?docId=4206&langId=en
(4) ILO. April 2009. Health and life at work : A basic human right. www.ilo.org/public/english/protection/safework/worldday/products09/booklet_09-en.pdf
(5) Study conducted by the Chartered Institute of Personnel and Development (CIPD). http://www.guardian.co.uk/money/2009/nov/25/employees-working-beyond-retirement-age
(6) Promoting a worldwide prevention culture. www.seouldeclaration.org
(7) ISSA Special Commission on Prevention. www.issa.int/prevention
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